Politik der offenen Inflation (Dieter Spethmann)         Der Artikel stammt aus dem Focus 28/2010. ( Man möge mir diesen Frefel des Abdrucks verzeihen - ich bitte um Verständnis )  Der Ruhrbaron  Er formte Thyssen zum Technologiekonzern.   Antreiber Dieter Spethmann war von 1973 bis 1991 Thyssen­ Vorstandschef. Unter seiner  Leitung wuchsen der Umsatz von zehn auf 36 Milliarden Mark und die Zahl der  Beschäftigten weltweit von 92000 auf 152000. Modernisierer Spethmann entdeckte die Transrapid-Technik und formte das Unternehmen zu einem  Technologiekonzern.   Netzwerker  Spethmanns Rat war in vielen Aufsichtsräten gefragt. Währungskritiker Schon 2003 wies der frühere Stahlmanager Dieter Spethmann in einem Buch auf  Gefahren eines zu großen Währungsverbunds hin   Warum tut sich Dieter Spethmann das noch an? Der frühere Chef des Stahlkonzerns Thyssen mischt wieder in der Politik mit  und knüpft an einem feinen Netzwerk. Er schaltet Anzeigen auf eigene Rechnung, spricht mit Bundestagsabgeordneten und  Wirtschaftsbossen. Der 84 Jahre alte einstige Ruhrbaron ist eigentlich ein überzeugter Europäer. Jetzt aber formuliert er harte  Thesen zur Währungspolitik, geißelt die Agenda der Europäischen Union und treibt Buchprojekte voran, die Zeichen setzen  sollen. Der Industriemagnat außer Diensten möchte nichts weniger als das Modell Deutschland retten.   Dabei lebt der gebürtige Essener mit seiner Frau in einer prächtigen Villa in Düsseldorf-Niederkassel, direkt am Rhein. Im  Entree, das über zwei Etagen reicht, hängen je zwei kraft- und farbstrotzende Porträts der beiden. Andy Warhol hat sie  angefertigt, 1986, kurz vor seinem Tod.   Kunst ist allgegenwärtig in den hohen Räumen, asiatische, vorchristliche, moderne. Auf der Rückseite erstreckt sich ein Park,  der an heißen Sommertagen kühle Frische bietet. Und doch zieht es Dieter Spethmann bald wieder aus der Idylle zurück in sein  Arbeitszimmer, an seinen Computer, in dem drei Millionen Dateien gespeichert sind. Auf seiner Homepage eurospethmann.de  und in Blogs kommentiert der Grandseigneur die Turbulenzen des Finanzsystems.   "Die Industrie ist Deutschland, und Deutschland ist nichts ohne seine Industrie", räsoniert der Mann, der für Thyssen den  Transrapid entwickelte. Eine hoch bewertete Währung, Produktivität und Spitzenlöhne bilden für Spethmann die deutsche  Erfolgsformel. Sie sieht der klassische Vertreter des rheinischen Kapitalismus akut in Gefahr.   Verfassungsklage gegen die Griechenland­ Hilfe und den Euro-Rettungsschirm   "Ich kann hier nicht herumsitzen, wenn die Bürger von Jahr zu Jahr weniger Kaufkraft besitzen", sorgt sich der Mann, der als  Vorstands­ vorsitzender den Thyssen-Umsatz mehr als verdreifachte. Der Top-Manager machte aus dem traditionellen  Unternehmen der Schwerindustrie einen modernen Technologiekonzern. Nun möchte er am liebsten die Zeit zurückdrehen, um  eine bessere Lösung für den Euro zu finden.   Der Sohn des bekannten Wirtschaftshistorikers Hans Spethmann gehörte immer schon zu den Kritikern einer allzu  ausgedehnten Währungsunion - mit Vorreitern und Fußkranken. Sein Ton ist in der Euro-Krise schärfer geworden.   Die Hilfe für Griechenland und den 750-Milliarden-Rettungsschirm vor allem für leistungsschwache Südländer bezeichnet der  promovierte   Jurist und Volkswirt als "Schande". Die heute aktive Generation brauche hartes Geld, um endlich einer "dritten industriellen  Revolution" mit attraktiven Produkten Made in Germany zum Durchbruch zu verhelfen, argumentiert der Vater von sechs  Kindern. "Wir dürfen nicht zur europäischen Provinz verkommen.”  In "skandalöser Weise" seien die Begleitgesetze für die Kredithilfen im Mai durch den Bundestag gepeitscht worden, wettert. er.  Er hat sich mit drei ebenfalls nicht mehr ganz jungen Ökonomen und einem Juristen zusammengeschlossen, um die  Finanzspritzen in Karlsruhe anzufechten. Denn Spethmann fürchtet, dass die Europäische Union "von einer  Wettbewerbsgemeinschaft zur Haftungsgemeinschaft " wird. "Diese Staatsfinanzierung mittels Gelddruckens ohne wirtschaftliche Leistung ist offene Inflationspolitik, welche das  Sozialprinzip ins Mark trifft", begründet er mit Wilhelm Hankel, Wilhelm Nöllinq, Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim  Starbatty die Verfassungsklage . Bis­ her wurde das Quintett mit seinen euro kritischen Beiträgen meist belächelt.   Spethmann sieht sich als den "Politischsten" der fünf, als den Praktiker neben lauter Theoretikern. Die Euro-Krise ist auch ein  persönlicher Triumph. Spethmann und sein Erfahrungsschatz sind wieder gefragt. Hatte er nicht Bundeskanz­ler Kohl schon bei  der Wiedervereinigung vor einer Aushöhlung der damaligen Währung, der D- Mark, gewarnt? Doch Kohl sei  "beratungsresistent" gewesen. Mit dem Pfälzer sei er praktisch nie auf einen Nenner gekommen, resümiert das Mitglied der französischen Ehrenlegion bei  einem Eiskaffee. Spethmann, einst ein glühender Anhänger der Union, trat schließlich nach 42 Jahren aus der CDU aus. Der  Hobbyhistoriker vermisst Weitsicht allerorten, rechts wie links. "Ich bin ein Mann der Mitte und Europäer bis zum letzten  Atemzug", beteuert er. "Ich will die Zukunft Deutschlands in Europa mit vernünftigem Wohlstand sichern. "   Auch wenn Rechtsexperten den Klagen der Senioren gegen den Rettungsfonds kaum Chancen einräumen: Spethmann denkt  bereits an sein nächstes Ziel- eine international wettbewerbsfähige Euro-Kerntruppe. Mit Deutschland, den Niederlanden, den  Nordländern sowie Frankreich. Als Währungspartner, nicht als EU-Mitglied, soll auch noch Russland als Gegengewicht zu  Frankreich in den neuen Verbund aufgenommen werden.   Russland als Währungspartner? Vielleicht muss man erst so alt werden wie Dieter Spethmann, um auf eine solch kühne Idee zu  kommen. o   THOMAS ZORN